
Robert Schuman wurden während der Zeit seiner Internierung in Neustadt an der Weinstraße erstaunliche Freiheiten gewährt, die sonst kaum ein Gefangener des NS-Regimes in Anspruch nehmen konnte. Nach einer gewissen “Probezeit”, in der er seine Bewacher davon überzeugte, dass er keine Fluchtpläne hegte, durfte er sogar zu mehrtägigen Ausflügen und kurzen Reisen die Stadt verlassen. So besuchte er beispielsweise Ludwigshafen, Heidelberg oder Speyer. Allerdings musste er sich für jede geplante Reise bei der Gestapo einem Verhör unterziehen: Wohin soll die Reise gehen? Zu welchem Zweck? Welche Personen möchte er treffen? Die Rückkehr wurde vorgegeben und man kann zudem davon ausgehen, dass Schuman während dieser Ausflüge von Gestapobeamten bespitzelt wurde. Als regelmäßiger Besucher des Herz-Jesu-Klosters verfügte Schuman über einen großen Bekanntenkreis unter Geistlichen und seine Ausflüge wurden auch stets mit einem Austausch mit Geistlichen zu religiösen Themen begründet. Es schien, als habe sich Schuman aus der Politik zurückgezogen. Das aber, war nur ein Trugschluss. Denn die geistlichen Bekannten, die Schuman traf und denen er vertraute, waren scharfe Beobachter und auf diese Weise sammelte und verbreitete Schuman Informationen über den Kriegsverlauf und das Deutsche Militär, wo er nur konnte.
Nachdem Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes und SS-Obergruppenführer, in Prag durch ein Attentat starb, wurde befürchtet, dass die Gestapo alle Sicherheitsmaßnahmen steigern würde und das war der Punkt, an dem Schuman seinen Fluchtplan, den er gemeinsam mit seinem Netzwerk ausgedacht hatte, in die Tat umsetzte. Auch wenn sich die Fluchtroute bis in den unbesetzten Teil Frankreichs nicht völlig belegen lässt, so gelang ihm seine Flucht doch sehr wahrscheinlich über den Neustadter Bahnhof.
“Wir können den drohenden Gefahren nur entgehen, wenn wir den Hass aus der Vergangenheit vergessen, den nationalen Groll und den Geist der Rache abflauen lassen, die nationalen Grenzen und Barrieren, die unsere Spaltungen verschärfen und kristallisieren, allmählich verschwinden lassen.”
Robert Schuman

Der Bahnhof von Neustadt an der Weinstraße, zur Zeit von Schumans Internierung noch Neustadt (Haardt) genannt, sah in den späten 1930er und bis zu seiner Zerstörung 1945 noch so aus, wie diese beiden kolorierten Postkarten ihn zeigen. Das obere Bild zeigt Bahnhof und die alte Betriebsstätte von Westen, das Bild rechts den Bahnsteig und die Wagenremisen mit einer Ansicht von Süden. Beide Bilder wurden ca. 1925 gemacht. (Bilder: Sammlung Reiner Frank)



Durch den Bombenangriff der Alliierten im März 1945 wurden die Stadt und das Bahnbetriebswerk schwer in Mitleidenschaft gezogen. Lokomotivschuppen, Drehscheibe und Gleisvorfeld lagen in Trümmern. Nur das Verwaltungsgebäude überstand relativ unzerstört dieses Ereignis.
Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) wurden die zerstörten Hochbauten nur zum Teil wieder errichtet. Vom ehemaligen 15-ständigen Ringlokschuppen wurden nur drei Stände wiedererrichtet – die heutigen Gleise 64 – 66. Direkt daran anschließend, eine niedrig ausgeführte Werkstatt mit drei Gleisen – die heutigen Gleise 67 – 69. Verwaltungs- und Sozialgebäude wurden ebenfalls instand gesetzt. Mehr Informationen im KuLaDig-Objekt. (Bilder des zerstörten Bahnhofs: Bundesarchiv)



